Thurgauer Zeitung, 28. März 2014 

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Thurgauer Zeitung, 28. März 2014

Zehn Lieder für den Ernstfall

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Giuseppe Spina und Lotti Happle singen, Christoph Hartmann und Stefanie Hess spielen im Musiktheaterstück «Soldaten!» (Bild: Reto Martin)


FRAUENFELD. Im Stück «Soldaten!» der Theaterwerkstatt Frauenfeld üben vier Musiksoldaten ihre Revue, mit der sie die Kameraden an der Front unterhalten sollen. Das fetzt bei allem Ernst des Themas und zeigt Parallelen zwischen Militär und Theater.

DIETER LANGHART

Soldatin Grün tritt hinter dem Vorhang der Bunkertoilette hervor, eine Zigarette in der Hand, steht ans Mikrophon, sagt zum Publikum Now here's a song that is very close to my heart, I sang it during the war. Und Lotti Happle singt «Lili Marleen» wie einst Marlene Dietrich vor den amerikanischen Soldaten, verhalten begleitet von ihren Kameraden an Akkordeon, Kontrabass und Gitarre.

Diese Szene in der Mitte des Stücks «Soldaten!» ist ebenso zentral wie kennzeichnend. Da wird gesungen und geswingt, gekalauert und philosophiert, da wird gehorcht und gezweifelt, gewartet und gestorben.

Die Truppe Freizeit rückt ein

«Trotz der Leichtigkeit des Stücks ist das Thema ernst», hatte ein Besucher an der ausverkauften Premiere gesagt. Die Theaterwerkstatt Gleis 5 hat sich nicht vertan, hat zahlreiche ermutigende

Zuschriften erhalten, zeigt «Soldaten!» noch viermal. Denn genau dies ist Theater: ein Ort der Auseinandersetzung, ein Gefäss für die Diskussion.

Wunderbar launisch Giuseppe Spinas Exposé für «Soldaten!»: Vier Milizsoldaten, Sänger und Musiker der Truppe Freizeit in der Abteilung Frontunterhaltung der Militärmusik, harren der Dinge, die da kommen sollen hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Denn um Europa steht es gar nicht gut.

Das Quartett ist eingerückt, im Bunker seine Revue zu üben und später die Moral der Schweizer Soldaten zu heben. Wunderbar lebendig, wie Giuseppe Spina (Korporal Rippenstock), Lotti Happle (Grün), Christoph Hartmann (Erker) und Stefanie Hess (Steiner) die Idee umsetzen und Regisseur Noce Noseda ihnen eine lange und doch straffe Leine lässt.

Reich an Wortwitz

Die gut 90 Minuten des Musiktheaters vergehen im Fluge, so raffiniert wechseln das Tempo der Handlung, das Licht auf der Bühne, die Tonalität der arrangierten Lieder. Vielleicht hat Giuseppe Spina etwas viel in sein Stück gepackt, doch das Meiste dient dazu, der quirligen, an Wortwitz und Situationskomik reichen Persiflage den Ernst beizumengen: Aus Remarques «Im Westen nichts Neues» wird zitiert (und Lotti Happle wird in Spinas Armen zum getöteten Gérard Duval) oder die Geschichte des Offiziers Stanislaw Petrov erzählt, der 1983 vermutlich einen Atomkrieg verhindert hat.

Die zehn Lieder behalten mit einem Drittel der Spielzeit die Oberhand. Mit dreien spielt sich das Trüpplein warm: «Übre Gotthard flüged Bräme» der Geschwister Schmid, Elvis Presleys «Muss i denn zum Städtele hinaus», Joan Baez' «The Night They Drove Old Dixie Down». Wider den Irrsinn singen auch Tom Waits, Edwin Starr oder Country Joe McDonald, und Vladimir Vissotskys «Vom wilden Eber»– von Spina russisch gesungen – erinnert an die Musik zu Bulgakows «Meister und Margarita», den die Theaterwerkstatt vergangenen Sommer auf Schloss Girsberg inszeniert hat.

Das Theater als Metaebene

Die Musiker wechseln die Instrumente souverän und häufiger als Soldaten die Uniform, spielen stehend, sitzend, über Kopf; die Stimmen und das Spiel Lotti Happles und Giuseppe Spinas haben Druck und ausreichend Ironie. Das Stück durchbricht nicht nur die vierte Wand und zieht das Publikum hinein, es untersucht zudem Parallelen zwischen Militär und Theater: Sind Autor und Regisseur Drahtzieher und Puppenspieler, die Schauspieler Befehlsempfänger und Puppen? Ratlos holen sie das Skript hervor, doch da steht nichts mehr. Zum Schluss verlassen die vier den Bunker, aber Rippenstock und Steiner nehmen keine Waffe mit: Schiessen ist nicht unsere Aufgabe. Draussen dann ein gleissendes Licht.