Thurgauer Zeitung, 27. Mai 2013

Glück hängt vom Standpunkt ab

Marjolaine Minot verkörpert die brummige Claudine in der Frauenfelder Theaterwerkstatt mit viel Charme. (Bild: Severin Schwendener)

FRAUENFELD. Die Theaterwerkstatt Gleis 5 hat am Freitag und Samstag Marjolaine Minot mit «Das Glück stinkt mir!» in die ehemalige Lokremise gebracht – ein feinfühlig-witziges Stück über das Glück und alle, die es suchen.

SEVERIN SCHWENDENER

«Du bist hier auch willkommen, wenn du nicht perfekt bist», sagt Claudine mit sanfter Stimme. «Auch sie dort ist nicht perfekt, und wir haben sie doch alle gern.» Schön, wenn man über ein so grosses Herz verfügt; schrullig, wenn man diese Worte zu einer auf der Strasse gefundenen Schreibtischlampe von anno dazumal spricht. Aber schrullig, das ist Claudine in der Tat. In ihrem Vorstadthäuschen lebt sie im Chaos, wöchentlich kontrolliert von ihrer Nichte Marianne, zu der sie einigermassen freundlich sein muss, damit sie nicht die gehorteten Nutellagläser entdeckt, mit denen Claudine gegen die Weisungen des Doktors verstösst. Denn sie sollte keinen Zucker essen. «Alle haben immer furchtbare Angst, dass ich sterben könnte. Ich nicht. Wieso auch? Wir leben, und wir vergehen, nicht wahr?», sagt sie zur langsam runterbrennenden Kerze.

Wunderbares Bühnenbild

Die in Paris geborene Marjolaine Minot verkörpert die brummige Claudine mit unglaublich viel Charme und Poesie. Bis ins letzte Detail sind Bühnenbild, Texte und Bewegungen von einer Prise Ironie durchzogen. Hier die beiden Holzbretter, die sie unter eine Kiste klemmt, um noch eine zusätzliche Ablagefläche zu gewinnen; da die an der Wand klebenden und am Boden aufgetürmten Teebeutel, auf die Claudine schiesst. Trifft sie, darf sie Zucker in den Tee tun.

Die angestaubten Möbel, die unzähligen Schreibtischlampen, das Grammophon, das scherbelt, aber doch Musik produziert. Musik, zu der Claudine ihren Lampen vortanzt, wenn sie nicht im Fauteuil sitzt, Bücherberge verschiebt oder ihren Lampen Geschichten erzählt. So eine alte Frau ist sicher unglücklich, und Claudine selbst sagt ja, dass ihr das Glück stinkt. «Alle rennen immer dem Glück nach, das dann doch nie da ist, wo man selbst gerade ist. Was ist schlecht daran, traurig zu sein? Manchmal glücklich sein reicht.» Ausserdem ist das Glück ja nicht von allen Seiten betrachtet gleich, wie in der Geschichte von der Katze, die einen Vogel frisst. «Für den Vogel traurig, für die Katze eine Geschichte des Glücks, oder?» Diese feinfühligen Betrachtungen machen das Stück so sehenswert. Man lächelt ob der sanften Komik, die allem innewohnt, und kann trotzdem nicht verhindern, dass man ins Nachdenken kommt.

Wer ist glücklich?

Da ist zum Beispiel Claudines Nachbar, der über die spielenden Kinder stänkert und eine Alarmanlage installiert. Dann liegt er tot vor Claudines Tür, die ihn wegschleift, damit sie durch die Tür kann. Und die weiterlebt, trotz Staub, Zucker, Nutella. Denn die brummige Claudine hat etwas Entscheidendes gelernt: Sie rennt nicht mehr dem Glück hinterher. Über die Kinder regt sie sich nicht auf. «Wozu? Es ist doch normal, dass sie Lärm machen.» Claudine hat ihr Leben akzeptiert, sie ist zufrieden. Und hat vielleicht gerade damit ihr Glück gefunden. Eine wunderbare Lektion fürs Leben, ein berührendes und erheiterndes Stück, das das leider nicht sehr zahlreiche Publikum begeisterte.