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Tagblatt Online, 20. Juli 2011

Ohne Prellböcke geht gar nichts


Gebündelte Theaterleidenschaft: Simon Engeli und Rahel Wohlgensinger (mit Sohn Vinzent) sowie Joe Fenner, Giuseppe Spina und Noce Noseda vor der Frauenfelder Lokremise. (Bild: Martin Preisser)

In die ehemalige Lokremise an der Nordseite des Bahnhofs Frauenfeld wird ab Frühjahr 2012 Kultur einziehen. Fünf in der Ostschweiz gutvernetzte Theaterleute und eine Juristin sind mutig und funktionieren das Bahngebäude in Eigenregie in die «Theaterwerkstatt Gleis 5» um.

MARTIN PREISSER

Frauenfeld. Das Gleis 5 des Frauenfelder Bahnhofs führt direkt in den Teil der Lokremise, in dem ab nächstem März eine Bühne und eine Zuschauertribüne stehen werden. An der Bühnenwand bleibt ein Prellbock stehen, aus Denkmalschutzgründen. Zwei weitere Prellböcke müssen aussen montiert werden, damit nie ein Zug auf Abwege kommt und direkt im Theater landet. Eine Autogarage und ein Nightclub-Besitzer haben sich ebenfalls für die Lokremise interessiert. Den Zuschlag hat ein Sextett aus fünf Theaterleuten (Simon Engeli, Joe Fenner, Noce Noseda, Giuseppe Spina und Rahel Wohlgensinger) und einer Juristin (Miriam Di Natale) erhalten. Der Mietvertrag mit den SBB ist unterschrieben. Die Lokremise wird zur «Theaterwerkstatt Gleis 5».

Zu viel Theater?

Nochmals ein neues Theater im Thurgau, nur ein paar Meter vom Eisenwerk entfernt? Die kantonale Kulturpolitik hat in den letzten Jahren die Theater gebündelt und mit dem Theaterhaus Thurgau in Weinfelden drei Kleintheater zur Kooperation an einem Ort verpflichtet. Eine neue Spielstätte an den Frauenfelder Gleisen? Ist das nicht realitätsfern? Hört man den begeisterten Theatermachern von «Gleis 5» zu, gibt man ihnen eine reale Chance.

Die Lokremise soll kein neues Theater werden, das Produktionen einkauft und mit zusätzlichen Spielplänen daherkommt. «Im Zentrum stehen wir Schauspieler selbst. Die Lokremise ist unsere Werkstatt», sagt Simon Engeli. «Wir wollen kein weiterer Kulturveranstalter sein», doppelt Giuseppe Spina nach: «Unser Team und das spezielle Gebäude ergeben das neue Produkt. Beides soll sich gegenseitig befruchten.»

Den «Gleis 5»-Leuten stehen Optimismus und Aufbruchstimmung ins Gesicht geschrieben. Und man weiss warum, wenn man das Gebäude gesehen hat. Es hat Charme, atmet Eisenbahngeschichte und ist so reizvoll wie praktisch. Hier soll dereinst echter Werkstattcharakter herrschen. Von Rahel Wohlgensingers Puppen bis zu den Bühnenkulissen soll alles, was die Schauspieler für ihre Arbeit brauchen, auch hier hergestellt werden. Vom Theatertext bis zur Premiere soll alles aus einem Haus kommen. Die Stücke, die im «Gleis 5» entstehen und gezeigt werden, sollen danach aber auch auf Tournée gehen.

Das «Gleis 5» als zentraler Punkt, wo sich eine Theatertruppe mit ganz verschiedenen Hintergründen regelmässig trifft, ja eine Heimstatt hat. «Wir Theaterleute sind auch Handwerker», sagt Simon Engeli. Und wie er haben alle Lust, die roten Fäden, die sie aus ihrer jeweiligen Theaterbiographie mitbringen, weiterzuspinnen und neu zu verknüpfen.

Engeli, Spina & Co. kennt man in der Ostschweiz, sie sind gut vernetzt. Dass 2500 Menschen ihre «Drei Musketiere» gesehen haben, macht sie hoffnungsvoll, gerade auch mit einem neuen zentralen Raum ihr Publikum weiterhin zu finden und neues zu gewinnen. Die «Theaterwerkstatt Gleis 5» soll ein Arbeits-, Produktions- und Wirkungsort werden, an dem auch Neues, Ungewohntes, Überraschendes ausprobiert werden kann, vielleicht ja einmal ein spritziges Stück über die Prellböcke der eigenen Spielstätte selbst! In der Frauenfelder Lokremise trifft jedenfalls eine vielfältige, phantasievolle Theatertruppe auf einen aussergewöhnlichen Raum. «Gleis 5» wird als GmbH geführt. Für die Renovierungsarbeiten greifen die Beteiligten erst einmal ins eigene Portemonnaie. Und gehen daneben intensiv auf Sponsorensuche.

Stühle aus Italien

Bevor sich die Theaterleute mit ganz neuen Fragen wie Heizung, Dachisolation oder Wärmedämmung beschäftigen können, muss erst noch ein Schutzzaun gebaut werden, als Abgrenzung zu den Bahngleisen. 97 Zuschauerstühle passen in die hintere Lokremisenhälfte. Und die haben eine fast schon poetische Geschichte. Sie kommen aus einem alten Theater in Verbania am Lago Maggiore. Hätten die «Gleis 5»-Leute sie nicht eigenhändig abtransportiert, wären sie dort unter dem abgerissenen Gebäude verschwunden.

Vier der fünf Schauspieler sind Absolventen der Scuola Dimitri im Tessiner Verscio. Und obwohl noch nichts steht, ein wenig atmet die Lokremise schon diesen Dimitri-Geist. Da warten Theaterleute mit bunten, aber konkreten Ideen, mit viel Lust an Eigeninitiative und Eigenverantwortung nur darauf, im Frühling nächsten Jahres einfach loszulegen.