Tagblatt Online, 02. Juni 2012 

Eine weisse Geiss als roter Faden

Zapzarap krönen die Eröffnung der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Dieter Langhart)

Der Thurgau hat ein neues Theater. Die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld ist vorgestern eröffnet worden mit einem liebevoll und lebendig gestalteten Abend, der von Bildern und Einfallsreichtum lebte.

DIETER LANGHART

FRAUENFELD. Eingeklemmt zwischen den Bahngleisen und dem Lindenpark liegt die Theaterwerkstatt Gleis 5 – aber eine befreiende neue Welt tut sich da auf. In der umgebauten Lokremise auf dem stillgelegten Stumpengleis fährt ein neuer Theaterzug ab, gesteuert von fünf Lokführern, in Richtung Sprechtheater, Figuren- und Puppenspiel, Bewegungstheater, Gesang. Was sie draufhaben, zeigen sie dieses Wochenende.

Puppen und Parodien

Vor Energie und Aufbruchstimmung sprüht der Eröffnungsabend. Klug choreographiert, steigert er sich von süssen Thurgauer Erdbeeren zum Apéro bis zum parodistischen A-cappella-Gesang von Zapzarap, die den Ennet-em-Bergli-Mythos auf die Heugabel nehmen und durch den Rap- und den Elvis-Wolf drehen. Der Saal, ausverkauft, klatscht und stampft und hat nach zwei Stunden noch nicht genug. Aber hat Rahel Wohlgensinger zu Beginn nicht ihre Geissenpuppe sagen lassen, es werde sehr warm werden? Die weisse Geiss: witzige Klammer zu Zapzarap und kleines Bhaltis für die Redner Klaus Hersche und Leopold Huber.

Die Thurgauer Kulturstiftung unterstütze nicht die Theaterwerkstatt, sagt Hersche – «aber was hier drin passieren wird». Er verstehe, dass Simon Engeli und Giuseppe Spina, die viel auf offenen Plätzen gespielt haben, sich nach einem eigenen Haus sehnten, einem Ort der Auseinandersetzung. Die Theaterwerkstatt sei «ein Symbol für etwas, das immer schwieriger wird heute». Mut, Begeisterung, Einsatz und Verrücktheit brauche es, sagt er – und die Unterstützung durchs Publikum.

Von Nurejew bis Kasperli

Einen spritzigen Einstieg in den Abend hat zuvor Andrea Noce Noseda als Arlecchino gegeben; nach Klaus Hersches Aperçu geht es weiter mit Kostproben aus Produktionen, an denen die fünf Gleis-5-Macher in wechselnder Zusammensetzung beteiligt sind. Joe Fenner und Simon Engeli spielen einen alten Mann und seinen Pfleger, die in Elke Heidenreichs Geschichte von Nurejew und seinem Hund Oblomow schwelgen; Rahel Wohlgensinger und Simon Engeli spielen den Anfang ihres Stücks «Kaspartout», das sie erstmals 2010 in Konstanz gezeigt haben – das der Frage nachgeht, was passiert, wenn der faule, egoistisch denkende Kasperli in die Politik geht; zum Schluss, eben, Zapzarap mit Giuseppe Spina.

Theaterleute sind vernetzt. Spina werde den Stelzfuss spielen im Sommerstück «Black Rider» am See-Burgtheater, sagt Intendant Leopold Huber, der Engeli schon als Schauspieler hatte und jetzt als Regisseur von «Frida Kahlo» (das zweimal im Gleis 5 gastiert, aber ausverkauft ist). Das Quintett arbeite in seinen Produktionen mit Phantasie und Zeichen, die im Zuschauer Bilder auslösten, und es schaffe «den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung derart, dass die Zuschauer auch verstehen, was sie sehen».