St. Galler Tagblatt, Meister und Margarita, 23. August 2013 2

Eine höllische Geschichte

St. Galler Tagblatt , 23. August 2013 

Tagblatt


Teuflisches Musiktheater wird auf Schloss Girsberg mit Bulgakows «Meister und Margarita» geboten: Cornelia Montani, Simon Engeli, Daniel Schneider, Otto Edelmann, Joe Fenner. (Bild: Dieter Langhart)




KREUZLINGEN. Aus Michail Bulgakows «Meister und Margarita» macht die Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 auf Schloss Girsberg ein teuflisches Vergnügen, reich an Musik, Bewegung und Einfällen. Keine leichte Kost – zum Glück nicht.

DIETER LANGHART

Jedes Jahr liest Noce Noseda «Meister und Margarita», jetzt hat der Regisseur aus Mi- chail Bulgakows mächtigem Roman für die Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 ein Stück gemacht. Was für ein Stoff! Was für ein Stück! Was für ein Spass! Ein Stoff aus Lust und Verzweiflung, Liebe und Hoffnung, Andeutung und Eindeutigkeit. Und auf Schloss Girsberg ein Stück voller Musik und Poesie, die das Grinsen und das Grauen durchweben.

Dichterköpfe rollen

«Der Meister und Margarita» ist keine leichte Sommerkost. 600 Seiten stark ist Bulgakows Roman in Alexander Nitzbergs kongenialer neuen Übersetzung. Wer ihn noch nicht gelesen hat (unbedingt nachholen), dem seien des Regisseurs kurze Einführung vor der Aufführung ans Herz gelegt und das informative Programmblatt.

Ist auch kein Stück für schwache Nerven. Da werden Journalisten geköpft und Dich- ter in die Irrenanstalt verdammt, da werden Geldscheine gezaubert und Geliebte wiedergefunden, da tritt der Teufel mit seinen Gehilfen auf und stellt eine Stadt auf den Kopf, das Moskau der Stalinzeit.

Geschickt hat Noce Noseda das an Episoden überreiche Geschehen ausgedünnt und die Politik und ihre Mechanismen weggelassen, auf die Bulgakow satirisch anspielt, hat sich auf drei Ebenen konzentriert: die Frage nach gut und böse (Meister und Magier), die Liebesgeschichte (Meister und Margarita), die Philosophie (die vom Meister verfremdete Passionsgeschichte).

Verwinkelt und verzahnt

Am stärksten wirken in der Inszenierung die Teufelsspässe, Verwechslungsszenen und Ausflüge ins Gespensterliche. Da wechseln die vier Schauspieler und drei Musiker – Cornelia Montani am Akkordeon und in drei Frauenrollen wirkt als Scharnier – im Fluge ihre Rollen, wandeln Gesicht und Gewand, hechten über die Bühne.

Konstanz' Altmeister Otto Edelmann gibt einen durchtrieben grinsenden, aber letzt- lich resignierenden, seinen Degen übers Parkett schleifenden Magier; Ingo Biermann ist ein kauzig-unterwürfiger Teufel, aber blasser Pontius Pilatus; variantenreich wechselt Simon Engeli zwischen Lyriker Besdomny, Jeschua und Kater Behemoth; Joe Fenners Mimik überzeugt eher als sein Duktus.

Vierte, wichtige Ebene: Die Musik verzahnt sich wunderbar mit dem Stück, dem nicht leicht zu folgen ist. Das Lili Passepartout Trio spielt Arrangements von Wladimir Wyssozki leichthändig und behende – ein Genuss.