Thurgauer Zeitung, 20. Februar 2014

Krieg ist Theater ist Krieg

Christoph Hartmann, Lotti Happle und Giuseppe Spina proben für das Musiktheaterstück «Soldaten» 

in der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. (Bild: Dieter Langhart)

Frauenfeld hat sein Soldatendenkmal, seine Rekruten und derzeit Militär-Chuchi im Brauhaus. Und jetzt übt die «Truppe Freizeit» ihre Revue, falls es an die Front geht wie vor 100 Jahren.

DIETER LANGHART

FRAUENFELD. Frühling 2014. Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges herrscht in Europa wieder Instabilität, auch die Schweiz ist in Alarmbereitschaft. Vier Soldaten der Truppe «Freizeit» hocken, wie befohlen, in einem Bunker in Frauenfeld. Sie sollen an ihrer Musikrevue feilen, bis der Befehl kommt, an die Front zu gehen und die Truppenmoral zu heben. Das Warten zermürbt, Gräben tun sich auf.

  Ein Stück für Frauenfeld

Da hat Giuseppe Spina von der Theaterwerkstatt Gleis 5 sich etwas Listiges ausgedacht: ein Stück, das nicht die Armee aufs Korn nimmt (schon gar nicht wie Mike Eschmanns einfältiger Film «Achtung, fertig, Charlie!», der teils in Frauenfeld gedreht wurde). Sondern das dem Waffenplatz Frauenfeld und seinen Soldaten gewidmet ist, das schlicht «Soldaten!» heisst, natürlich mit Ausrufezeichen.

Spina hat sich eingelesen in die «Armee als weltweites Phänomen», nicht nur bei Erich Maria Remarque, und ist auf Ian Morris gestossen, einen englischen Historiker und Archäologen, und seine nicht unbestrittenen Thesen in «Krieg. Wozu er gut ist». Dann hat er zu schreiben begonnen und sich drei Mitspieler gesucht: die Schauspielerin und Sängerin Lotti Happle, den Weinfelder «Luusbueb» Christoph Hartmann und die Musikerin Stefanie Hess. Regie führt Gleis-5-Kollege Noce Noseda, das von Spina ausgelegte Konzept haben die fünf gemeinsam zum Stück ausgestaltet.

Keine Kunst ohne Konflikte

Keiner der fünf hat regulären Militärdienst geleistet, und auch Spinas Grundidee ist ironisch angelegt: Wie wäre das, wenn die Schweizer Armee eine «Truppe Freizeit» hätte, die für Motivation an der Front sorgen soll? Giuseppe Spina: «Das Stück bildet einen imaginären Krieg nach, und für einmal ist Deutschland neutral.» Die vier Rekruten, witzig überzeichnet, harren auf engem Raum der Dinge, proben, nerven einander. «Beim Befehl auszurücken setzt jeder seine contre-masque auf», sagt Spina. Mit dem Stück will er, auf einer Metaebene, den Parallelen zwischen Militär und Theater nachspüren, denn auch Theater sei hierarchisch: Der Regisseur gibt Befehle, die Schauspieler gehorchen. «Letztlich stellt sich auch die Frage, ob Kunst nur da entstehen kann, wo ein Konflikt zu bewältigen ist», sagt Christoph Hartmann.

Wer trägt die Schuld?

Humor und Grauen, Satirisches und Surreales verweben sich zu einem Stück Musiktheater, in dem nicht nur bekannte Lieder erklingen wie «Lili Marleen», «Muss i denn» oder Country Joe McDonalds «I-Feel-Like-I'm-Fixin'-to-Die Rag», der 1965 erschien, als Amerika seine ersten Truppen nach Vietnam schickte. Alle Instrumente werden von fast allen Spielern live gespielt: Gitarre und Stehbass, Akkordeon und Klavier. Die Requisiten stammen aus dem Army Shop, die Bühne baut Joe Fenner, und der für diese Produktion gegründete Verein nutzt erstmals Crowdfunding.

Eine Klasse der Kanti Frauenfeld hat die Proben besucht. Ein Schüler auf die Frage, wer schuld sei, wenn ein Soldat einen andern töte: «Der Soldat ja, der Mensch nein.» Soldaten können nicht zum Besuch gezwungen werden, sind aber willkommen. Zugesagt zur Premiere hat der Waffenplatzkommandant.